Frätzchen

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Eines Abends entdecken wir mitten in der Stadt unter einem Baum ein zitterndes, kleines Wesen. Das Vögelchen ist noch nackt. Es würde die Nacht nicht überleben. Ich hebe es auf und wärme es auf dem Heimweg in meinen Händen.
Dies ist der Beginn einer engen Beziehung zu einem Spatzenbaby, das sich im Laufe der Zeit prächtig entwickelt. Frätzchen wird zum Familienmitglied, zunächst zum „Infanteristen“, so nennt man Vögel wirklich, die nicht fliegen können und auf ihre Beine angewiesen sind. Frätzchen hat die Stockmauser. Die Federn wachsen zwar, aber sie sehen schrecklich aus: lange Stiele und am Ende ein kleiner Puschel. Stockmauser kann durch Stress bedingt sein, aber auch durch Unterkühlung – beides trifft wohl auf unseren kleinen Schützling zu.
Aber Frätzchen geht es gut. Er ist frech und behauptet sich. Als die Federn nun endlich – wenn auch mit ein paar weißen Flecken dazwischen – normal gewachsen sind, darf ich Zeuge seiner ersten geflogenen 8 werden. Dabei juchst er von oben vor Freude. Wir beherbergen einen glücklichen Vogel.

Allerdings nicht immer. Es ist klar, dass wir ihm kein gescheites Spatzenleben in einer turbulenten Meute bieten können.
Wir suchen nach einer Lösung und finden einen erfahrenen Auswilderer. Hinter seinem Wohnhaus befinden sich Krankenhaus 1, 2 und 3. für verletzte Wildtiere. Dort sind alle gestrandeten Tiere, vornehmlich Vögel, untergebracht, die in der Gegend aufgelesen wurden. Frätzchen soll mit einem wilden Spatzen vierzehn Tage in einer Voliere verbringen.
Dann kann man ihn fliegen lassen. Wir stehen feierlich bereit. Der Moment ist gekommen. Ich stelle den Karton auf die Wiese und öffne langsam die Seitenlasche. Der wilde Spatz fetzt davon. Dann – passiert nichts.
Ich beuge mich hinunter. Da steht Frätzchen. Sichtlich geblendet blinzelt er mich an. „Frätzchen, Du sollst fliegen!“ sage ich verdutzt. „Tschilp,“ ist die Antwort. Claus, mein Freund, hat sich zu ihm hinunter gebeugt und ihm den Finger hingehalten. Frätzchen hüpft darauf, plustert sich auf und macht es sich gemütlich.
„Das war wohl nichts.“ Der Fachmann schnappt sich Frätzchen und packt ihn wieder in den Karton, hält ihn mir hin und fragt ohne eine Frage zu stellen: „Wollen Sie ihn wiederhaben?“
Frätzchen ist wieder bei uns. Er bezieht wie üblich seinen Adlerhorst im höchsten Fachboden des Bücherregals auf den Kunstbänden von Beuys und schaut von dort aus in die Runde.
Nein, auswildern kann man Frätzchen nicht mehr. Das ist uns klar geworden. Er hat überhaupt kein Gefahrenbewusstsein. Wahrscheinlich würde er jedem Menschen auf die Schulter fliegen und Futter erwarten.
Also, wir müssen uns etwas Anderes einfallen lassen.
Die Geschichte geht weiter.
Vielleicht schreibe ich sie einmal auf…..