Stille

Stille beschreibt den Zustand der Abwesenheit von Geräusch und Bewegung. Im Extremfall kann Stille das Fehlen jedes sensorischen Reizes sein. Im weiteren Sinne wird sie auch als ruhige Atmosphäre oder Umgebung verstanden.
Die Änderung des Umgebungszustandes kann mit dem Begriff der Stille verknüpft werden, als Ruhe vor dem Sturm, als Totenstille nach einer Detonation oder einem Verstummen der Anwesenden im Raum. Als Kontrast zu ihrem Gegenteil hat sie noch mehr Prägnanz. Das plötzliche Ende von Lärm oder Geräuschen wird als Stille empfunden, selbst wenn ein geringer Pegel an Grundgeräuschen weiter besteht. Dies gilt in gleicher Weise für den Aspekt der Bewegung. Ein still dahin fließender Bach ist nicht bewegungslos, ein Meer das zur Ruhe gekommen ist, schon gar nicht.

Stille ist immer ein subjektiv empfundener Zustand, der je nach persönlichem Umfeld, den Erfahrungen, Erinnerungen oder Hör- und Sehgewohnheiten völlig unterschiedlich ausfallen kann.
In einer reizüberfluteten Gesellschaft entsteht das Bedürfnis nach mehr Ruhe, was sich zum großen Teil auf das tägliche Umfeld bezieht, das durch Unruhe oder gar Lärm aber auch Krisen, Konflikte, Konkurrenz- und Leistungsdruck geprägt ist.
Ein weiterer Aspekt von Stille bezeichnet einen Bewusstseinszustand. Meditation wird oft als das zur Ruhe kommen der Gedanken, oder absolut als das Aufhören des Willens oder die Abwesenheit jedes Denkens begriffen. Im religiösen Sinne ist sie als Kontemplation die totale Versenkung, das Konzentrieren auf das Göttliche, Mystische, Kosmische.

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Mittagshitze, geschlossene Läden, kaum Menschen auf der Straße. Ein Kind steht still. Das kommt nicht oft vor. Im Foto ließ sich dieser Moment einfangen.

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Das Meer wird vom Regen geharkt. Die Bewegung der Tropfen softet die Konturen im Bild ab. Die vielen ins Wasser patschenden Tropfen lassen das leicht gewellte Meer zum japanischn Zen-Garten werden. In Verbindung mit der eingefangenen Diesigkeit erzeugt dies eine mystische und unwirkliche Stimmung.

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Am Rande eines brachliegenden Reisfeldes steht eine Vogelscheuche, kein Vogel ist in Sicht. Nicht das Objekt selbst, sondern sein Spiegelbild wurde hier auf´s Korn genommen. Der Ausschnitt bildet nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Der Betrachter wird angeregt, diese kleine Welt zu ergänzen. Eine ungewohnte Sehweise weckt eher das Interesse als die üblichen Ansichten.

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Gesehen in London. Eine Wasserwand – wie ist das möglich? Die Personen befinden sich innerhalb eines Brunnens und werden kaum nass. Aufgrund des lauten Geräusches
ist eine verbale Verständigung nicht möglich. Wortlos lässt sich die Person im Hintergrund führen. Obwohl fließendes Wasser nur geräuschvoll sein kann, vermitteln die in ihrer langsamen Bewegung eingefrorenen Personen Ruhe.

Schließlich haben Fotos selbst auslösende Wirkung auf die Assoziationen des Betrachters. Die Art und Weise, wie sie Stille vermitteln können, wird von einer Vielzahl von Parametern bestimmt. Fotos sind ein rein optisches Medium, da spielt die reale Geräuschkulisse eher eine geringe Rolle. Vielmehr schließen wir von einzelnen Bildinhalten auf Lautstärke und Art der Geräusche. Die Wirkung einzelner Motive kann sehr unterschiedlich sein. Im Sinne der Gestalttheorie haben wir erheblichen Einfluss auf das, was als zentrales Moment und das, was als „Hintergrund“ wahrgenommen wird.
So sollte das Motiv, das Stille symbolisiert, prägnant sein und den Gesamteindruck des Bildes bestimmen. Unterschiedliches oder gar ein Durcheinander implizieren Unruhe. Das gleiche gilt für schnelle Bewegungen und Veränderungen von Objekten. Reduktion und Klarheit ist Stille, aber auch der sichtbare Kontrast von Dynamik und Ruhe, wenn das Motiv, das die Ruhe abbildet, im Vordergrund steht.

Tiefe und Weite sind für die Wahrnehmung von Stille ebenfalls bedeutsam. Je weiter man sich von einem Objekt entfernt, desto kleiner, leiser wird es. Ausmaß und Dynamik der Bewegung nehmen ebenfalls ab. Blicken wir bei einer Bergwanderung in das Tal, so ist dieser Effekt besonders augenfällig. Vom Gipfel aus erscheint alles still und ruhig. Google Earth erspart uns die Wanderung und zeigt zumindest
auf der optischen Ebene den gleichen Effekt.

Fotografische Stilmittel wie Licht und Farbe spielen für Fotos der Stille eine bedeutende Rolle. Farbliche Homogenität und Gleichförmigkeit eines Bildes strahlen in der Regel Ruhe aus. Der Farbton selbst ist nicht unerheblich.

Ob ein Bild eher still und beruhigend wirkt, wird nicht selten durch die vorherrschenden Farben beeinflusst. Untersuchungen zur Farbsymbolik und Farbwirkung bekräftigen eine vom jeweiligen Kulturkreis abhängige Farbempfindung. Ohne diesen Aspekt weiter zu vertiefen, werden Blau- und auch Grüntöne bei uns als ruhig empfunden. Blau steht beispielsweise für Harmonie, Frieden, Unendlichkeit, Ferne, Vernunft und ruhige Kraft, Grün für Ausgeglichenheit, Natur, Beruhigendes und Hoffnung. Aus der täglichen Wahrnehmung wissen wir, dass Farbe bei abnehmendem Licht schlechter wahrgenommen wird, bis schließlich jeder Farbeindruck in Schwarzweiß übergeht. Lichtes Warmweiß löst eher eine behagliche und ruhige Empfindung aus. Helles Tageslicht wirkt eher anregend und belebend. Ein homogener Gesamteindruck kann außerdem durch gezielte Unschärfebereiche bzw. reduzierten Kontrast erhöht werden. Der Bildeindruck wird auf diese Weise durch weiche, fließende Übergänge gestaltet.

Natürlich sind hier zahlreiche Kombinationen der beschriebenen Stilmittel möglich. Deshalb kommt es darauf an, was den Gesamteindruck des Bildes prägt. Die Kommunikation mit Bildern ist besonders – auf alle Fälle ist sie schnell, einfach und einem Text immer überlegen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, diese Kunst für uns zu erschließen, um mit Fotos Aussagen auf den Punkt zu bringen.
Bei der Bearbeitung des Themas Stille haben wir unterschiedlichste Aspekte berücksichtigt, ob im Zusammenhang mit Umgebungszuständen, Lebenszyklen, Tages- oder Jahreszeiten, Andacht und Glauben, Meditation, Einsamkeit, Verlassenheit, Kommunikationslosigkeit, Erschöpfung, Ruhe und Schlaf oder Liebe.

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Ein Gebäude spiegelt sich im Wasser. Eine Diagonale trennt die unruhige Oberfläche von der vollkommen stillen. Das Blesshuhn verleiht der Szene Lebendigkeit. Sowohl die Motive, als auch die Geometrie der Anordnung vermitteln der Szene Stille

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Die Bestattungszeremonie ist vorbei, der Leichnam verbrannt. Was übrig blieb, wurde dem Meer übergeben. Die Trauergemeinde hat den Ort schon lange verlassen. Zurück bleibt der Begräbnisturm, „Bade“ genannt.Der leichte Wind zottelt an den weißen, dünnen Tüchern und güldenen Quasten. Er unterstützt die Transparenz in dem Foto. Vor allem aber die Weite von Strand und Meer bringt Sphäre und einen Hauch Unendlichkeit in das Bild.

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Ein Steg am frühen Morgen. Licht und Wasser malen ein abstraktes Bild von großer Schönheit. Die Spiegelung als Zerrbild der Wirklichkeit und gestaltendes Medium.

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Allein am Strand. Ein Angler versucht sein Glück bei diesigem Wetter.
Die gleiche Richtung von Baumstämmen und Angelrute vermittelt Gleichklang. Durch das Spiel mit Nähe und Entfernung entsteht Tiefe, die ihr Übriges zu der Stille im Bild beiträgt. Die aufstrebenden Linien und gewaltigen Balken verleihen dagegen dem Foto eine spezielle Dymanik. – Dynamische Stille.

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Natur in Gold getaucht, die untergehende Sonne gibt dem Wasser eine zähflüssige Anmutung. Der Aggregatzustand scheint sich leicht verändert zu haben.

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HDR – alle Regler hoch! Die im Gegenlicht dunkel erscheinende Statue hat Struktur bekommen und im Himmel ist ein Inferno entstanden. Der Arbeitstag ist vorüber, die Baumaschinen stehen still. Die schief aufgenommenen Kräne haben zum Himmel passend etwas Unwirkliches.

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